Interview Gerontopsychiatrie

„Wenn es nach uns ginge, wäre ein zweites Lore-Agnes-Haus in Düsseldorf sehr willkommen”

Die gute Zusammenarbeit der Abteilung Gerontopsychiatrie am LVR-Klinikum mit dem Lore-Agnes-Haus sei Gold wert, sagt Tillmann Supprian, Ärztlicher Direktor des LVR-Klinikums Düsseldorf.

Zwischen dem LVR-Klinikum Düsseldorf und dem Lore-Agnes-Haus besteht schon seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit. Viele Bewohner*innen waren oder sind auch Patient*innen im Klinikum. Wir haben mit Prof. Dr. med. Tillmann Supprian über die Besonderheiten und Herausforderungen der gerontopsychiatrischen Versorgung gesprochen. Prof. Dr. med. Tillmann Supprian ist Ärztlicher Direktor des LVR-Klinikums Düsseldorf, Chefarzt der Abteilung Gerontopsychiatrie, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie (DGGPP e.V.).

AWOspiegel: Herr Prof. Dr. Supprian, würden Sie uns zum Einstieg erklären, was Gerontopsychiatrie bedeutet?

Prof. Dr. Supprian: Die Gerontopsychiatrie beschäftigt sich mit der psychiatrischen Behandlung von älteren Menschen. Wobei die Frage, was ältere Menschen sind, nach wie vor nicht geklärt ist. Bei uns ist es Konvention, dass wir ab dem 65. Lebensjahr behandeln, aber eine trennscharfe Definition, was Alter ist, gibt es nicht. Manchmal nehmen wir auch jüngere Patient*innen auf – wenn es passt – beispielsweise, wenn jüngere Menschen eine Demenzerkrankung entwickeln. Aber unser Altersdurchschnitt liegt insgesamt bei etwa 70 Jahren.

Gerontopsychiatrie beschäftigt sich aber nicht in erster Linie mit Demenz?

Prof. Dr. Supprian: Richtig, die Demenz spielt bei uns eine große Rolle, weil wir viele Patient*innen mit deliranten Syndromen (Anmerkung der Redaktion: akute, aber rückbildungsfähige Bewusstseinsstörung) bei einer vorbestehenden Demenzerkrankung aufnehmen. Das ist eine häufige Aufnahmediagnose. Aber auch schwere depressive oder bipolare Störungen kommen häufig vor. Wir behandeln allgemein psychiatrische Störungen des hohen Lebensalters. Zu einem Großteil sind das schizophrene Erkrankungen. Manche Patient*innen haben chronische Erkrankungen, bei anderen sind die Störungsbilder vollkommen rückgängig und die häusliche Versorgung kann wiederhergestellt werden. Wir versuchen, möglichst viele Menschen teilstationär oder ambulant zu behandeln. Nur wenn die Krankheit einen gewissen Schweregrad erreicht hat und starke Beeinträchtigungen vorliegen, nehmen wir stationär auf. Aggressive Verhaltensweisen oder starke Eigengefährdung sind Indikationen dafür.

Zwischen dem LVR-Klinikum Düsseldorf und dem Lore-Agnes-Haus besteht schon seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit.

Was brauchen ältere Menschen mit psychischen Erkrankungen?

Prof. Dr. Supprian: Sie brauchen eine sehr gute pflegerische Versorgung und eine gute medizinische ärztliche Behandlung. Deshalb spielen hier beide Berufsgruppen eine große Rolle. Wir haben im LVR-Klinikum ein multiprofessionelles Team mit verschiedenen Berufsgruppen: Neben den Fachärzt*innen und Psycholog*innen haben wir ein sehr erfahrenes Pflegepersonal, zum Teil Altenpflegekräfte. Wichtig ist auch unser Sozialdienst, der sich speziell mit den Versorgungstrukturen der älteren Menschen auskennt. Nehmen wir das Beispiel eines deliranten Syndroms bei einer Demenz: Ein hochaltriger Mensch, der zuhause versorgt wird, stürzt und bricht sich etwas, kommt ins Krankenhaus und entwickelt ein Delir. Dann muss man an mehreren Hebeln angreifen. Es genügt nicht, das Delir zu behandeln, wir müssen uns auch die häuslichen Versorgungsstrukturen ansehen und beurteilen, ob sie noch ausreichend sicher sind. Unsere Sozialdienstmitarbeitenden machen auch Hausbesuche und prüfen, ob vielleicht eine Umsiedlung in eine Pflegeeinrichtung notwendig ist.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Lore-Agnes-Haus?

Prof. Dr. Supprian: Es gibt eine lange und gute Zusammenarbeit der Abteilung Gerontopsychiatrie am LVR-Klinikum mit dem Lore-Agnes-Haus. Das ist Gold wert. Das Lore-Agnes-Haus ist unter den Pflegeeinrichtungen in Düsseldorf ein sehr besonderes Haus, weil es seinen Schwerpunkt auf die Pflege psychisch kranker, alt gewordener Menschen legt. Das ist für unsere Abteilung von überragend großer Bedeutung. Viele der Bewohner*innen sind bei uns stationär behandelt worden. Eine enge Zusammenarbeit ist von besonderer Wichtigkeit, denn wir legen großen Wert auf eine kontinuierliche psychiatrische Behandlung. Das Lore-Agnes-Haus wird fachärztlich von niedergelassenen Kollegen betreut, was ein wichtiges Qualitätsmerkmal ist. Die beiden Kollegen waren vorher bei uns am LVR-Klinikum beschäftigt und kennen unsere Behandlungsstrategien gut. In engem Austausch mit dem Sozialdienst und den niedergelassenen Ärzten arbeiten wir daran, dass die Versorgung der Menschen dann nach der Umsiedlung gut gelingt.

2021 wurde der Neubau des Klinikums eröffnet.

Warum sind spezialisierte Pflegeeinrichtungen wichtig?

Prof. Dr. Supprian: Einige Patient*innen, die bei uns behandelt werden, erfordern viel Erfahrung im Umgang. Nicht jedes Pflegeheim ist auf die Besonderheiten vorbereitet, die chronisch psychisch kranke Menschen mit sich bringen. Es gibt Menschen, denen man ihre psychische Erkrankung erstmal nicht anmerkt und die körperlich fit sind, die aber zum Beispiel einen Wahn haben, Vorstellungen, die nicht der Realität entsprechen. Der Umgang mit Wahnerkrankungen ist nicht einfach und setzt einige Erfahrung voraus, um den Menschen behutsam zu begegnen und die Situation nicht eskalieren zu lassen. Als ich vor einigen Jahren mal mit unserem Sozialarbeiter im Lore-Agnes-Haus war, traf ich auf dem Flur eine Frau, die ich gut kannte, und die zu dem Zeitpunkt lebhafte Wahnideen hatte. Sie wäre in jeder anderen Situation sofort in die Psychiatrie eingewiesen worden, aber da die Mitarbeitenden im Lore-Agnes-Haus sie sehr gut kannten und wussten, mit diesen Wahnideen umzugehen, war die Versorgung dort möglich. Davor habe ich größten Respekt.

Die Menschen können sicherlich auch nicht dauerhaft in der Klinik bleiben…?

Prof. Dr. Supprian: Nein, natürlich nicht. Es ist ja auch schon lange vor der Psychiatrie-Enquête diskutiert worden, dass wir als Gesellschaft eine Verpflichtung haben, Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht in Institutionen abzuschieben, sondern ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit eigenem Umfeld zu ermöglichen. Oder, wenn das nicht machbar ist, in geeigneten Pflegeeinrichtungen. Die Kliniken sind keine Aufenthaltsorte, sie sind für Behandlungen zuständig, aber nicht für eine langfristige Versorgung.

Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bei der Versorgung älterer Menschen mit psychischen Erkrankungen verändert?

Prof. Dr. Supprian: Die Verweildauer in den Kliniken hat sich seit Jahrzehnten verkürzt. Das ist gut, denn ein Krankenhaus soll man nur solange aufsuchen, wie es erforderlich ist. Wir sind als Klinikum viel moderner geworden, haben einen Neubau bekommen und ich denke, dass sich allgemein die Qualität der Behandlung deutlich verbessert hat. Wir haben ein erheblich erweitertes Repertoire an medikamentösen Behandlungen auf der einen Seite und zunehmend mehr Erfahrung mit soziotherapeutischen Interventionen und nicht-medikamentösen Behandlungen. Da hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Es gibt inzwischen Leitlinienempfehlungen für viele psychische Erkrankungen, die sehr detailliert und konkret sind. Damit können wir eine hohe Qualität gewährleisten, und zwar nicht nur an einem Standort, sondern bundesweit.

Unsere Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie, hat im Bundesgebiet tolle Initiativen gestartet wie die Zertifizierung von Pflegeeinrichtungen. Das haben bereits viele Pflegeeinrichtungen durchlaufen, was mit viel Aufwand, hohen Erfordernissen und einer Begutachtung verbunden ist. Ich denke, dass wir damit die gerontopsychiatrischen Kompetenzen in den Pflegeeinrichtungen deutlich weiterentwickeln konnten.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Prof. Dr. Supprian: Das Lore-Agnes-Haus hat diesen Schwerpunkt ja schon lange, aber wir stellen fest, dass eine Einrichtung nicht ausreicht. Es gibt deutlich mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen, als im Lore-Agnes-Haus versorgt werden können. Deswegen ist es gut, wenn auch andere Häuser den Weg gehen und ihre gerontopsychiatrische Kompetenz durch ein Zertifikat belegen. Wenn es nach uns ginge, wäre ein zweites Lore-Agnes-Haus in Düsseldorf sehr willkommen. Das würde auf jeden Fall belegt, denn die Nachfrage ist groß. Leider beobachten wir auch, dass viele Menschen mit Schizophrenie in der Obdachlosigkeit leben. Das darf nicht sein. Gerade psychisch kranke Menschen dürfen nicht in die Obdachlosigkeit geraten, weil sie da erhebliche gesundheitliche Nachteile erleiden. Die Obdachlosigkeit ist in Düsseldorf ein großes Problem. Wir würden uns sehr wünschen, dass es für chronisch psychisch kranke Menschen mehr Einrichtungen wie das Lore-Agnes-Haus gibt. Wir verfolgen mit großer Sorge, dass Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen, vor allem Schizophrenien, oft in einem sehr schlechten körperlichen Zustand sind. Würden sie im Lore-Agnes-Haus versorgt, hätten sie eine viel höhere Lebensqualität und auch eine höhere Lebenserwartung.

Prof. Dr. Supprian, wir danken Ihnen sehr für das Gespräch!

Das Interview führte Irit Bahle. 
Fotos: LVR Klinikum Düsseldorf