Ein Ort gegen die Einsamkeit
Wie Mehrafarin im „zentrum plus" Gemeinschaft und neue Hoffnung fand
Bericht, Ausgabe 01/2026
Text Irit Bahle / Fotos Eugen Shkolinkov
Als vor zwei Jahren Mehrafarins Mann plötzlich verstarb, begann für sie eine Zeit voller Dunkelheit und Einsamkeit. „Ich saß den ganzen Tag an seinem Grab und wenn ich abends nach Hause gekommen bin, hatte ich kein Interesse daran, das Licht anzumachen“, erzählt sie. Nachdem sie ihrem Mann vor über 20 Jahren nach Deutschland folgte, haben die beiden viele Jahre selbstständig gearbeitet, waren rund um die Uhr zusammen. „Er war so ein lieber Mensch. Er war der Einzige.“
Nach seinem Tod habe sie keinen Menschen sehen und nichts unternehmen wollen – anderthalb Jahre lang. Bis eine Freundin darauf bestand, dass Mehrafarin sie ins „zentrum plus“ der AWO in Flingern-Süd begleitet. Erst nach langen Überzeugungen sei sie schließlich mitgegangen – zu einer Kunstausstellung an der Erkrather Straße. Dass der Künstler, wie sie, aus dem Iran kam, hat ihr Interesse geweckt, und sie kamen ins Gespräch. Und als Suzana Salmen, Koordinatorin des „zentrum plus“ in Flingern-Süd, sie herzlich willkommen hieß und für den Folgetag gleich zur nächsten Veranstaltung einlud, hat sich etwas in ihr verändert. „Langsam habe ich gedacht, ich will jetzt raus aus meiner Situation“, erzählt sie.
Von der Besucherin zur Ehrenamtlichen
Das war vor acht Monaten. Seither hat sie einen Deutsch- und einen Yoga-Kurs besucht, nimmt regelmäßig an Veranstaltungen teil. Sie hat viele Kontakte geknüpft und auch andere persische Frauen getroffen. Das hat es etwas leichter gemacht, Anschluss zu finden. „Es geht mir heute viel besser“, sagt sie, „ich habe hier so liebe Menschen kennengelernt und bin viel weniger alleine.“ Die Gemeinschaft im „zentrum plus“ habe ihr in ihrer Trauer sehr geholfen. „Alle haben ihre eigenen Geschichten, viele haben jemanden verloren. Jeder hat seine eigene Traurigkeit, aber wenn man sie teilt, kann man besser weitermachen.“
Mittlerweile kommt sie drei- bis viermal pro Woche dorthin und ist nicht mehr nur Besucherin, sondern auch ehrenamtliche Mitarbeiterin. Sie hilft bei der Vor- und Nachbereitung von Veranstaltungen und absolviert einen Kurs für Demenzbetreuung. Anderen zu helfen, so wie ihr geholfen wurde, ist für sie selbstverständlich, eine Herzensangelegenheit.
Wie eine Familie
Dieser Zusammenhalt ist so etwas wie das Herzstück des „zentrum plus“ in Flingern-Süd. „Die Menschen, die herkommen, sind wie eine Familie, alle achten aufeinander und begleiten einander“, sagt Suzana Salmen. Das sieht Mehrafarin auch so, im „zentrum“ habe sie ein kleines Stück Heimat gefunden. Genau dafür sind die „zentren“ da. „Sie sind Orte des ersten Kontakts, an denen langfristige Bindungen entstehen können, Orte des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung“, sagt Anne Kühl, Leiterin der Offenen Senior*innenhilfe. Hohe Wertschätzung und niedrige Hürden seien zentral, denn gerade auch für Menschen, die viel alleine waren, sei es kein einfacher Schritt, nach langer Zeit wieder auf andere zuzugehen.
Ein anderes Leben
Mehrafarins Veränderung hat nicht nur sie selbst gespürt, sie sei auch nach außen deutlich sichtbar, findet Suzana Salmen. In den vergangenen Monaten sei sie regelrecht aufgeblüht. „Ich habe jetzt ein anderes Leben“, sagt Mehrafarin. Es passt, dass sie dieses Jahr im März zum ersten Mal im „zentrum“ mit den anderen Nouruz gefeiert hat: das persische Neujahrsfest, den Beginn des Frühlings, der Hoffnung und des Neuanfangs. Wörtlich bedeutet Nouruz „neuer Tag“. „Heute trage ich sogar wieder bunte Kleidung und merke, dass ich langsam wieder in ein normales Leben finde.“ Irit Bahle
Info: „zentren plus" und Initiative Ehrenamt
Das „zentrum plus“ der AWO in Flingern-Süd ist ein Treffpunkt für ältere Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte. Alle „zentren plus“ der AWO werden von der Landeshauptstadt Düsseldorf finanziert und richten sich an die Generationen 55 plus. Sie bieten Begleitung, Beratung, Feste, Ausflüge und Veranstaltungen an. Interessierte können sich auf unserer Website über die Standorte und Angebote informieren oder sich persönlich beraten lassen. Kontakt: Anne Kühl, leitung-offene-seniorenhilfe@awo-duesseldorf.de, Tel.: 0211 60025-576.
Für alle, die sich für ein ehrenamtliches Engagement interessieren, ist unsere Initiative Ehrenamt da. Die Kolleginnen beraten und vermitteln in die passende Einrichtung und Tätigkeit.
Info: Ein Ehrenamt schützt doppelt vor Einsamkeit
Die Übernahme eines Ehrenamtes kann Einsamkeitsbelastungen entgegenwirken. Das ist nur eine von vielen Erkenntnissen aus dem „Einsamkeitsbarometer 2024“. Demnach sei die Wirkung eines Ehrenamts sogar eine doppelte, da es zur sozialen Einbindung der ehrenamtlich tätigen Person selbst beitrage und gleichzeitig eine Ressource gegen Einsamkeit für andere darstelle. Soziale Bindungen und die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe werden insgesamt als wichtige Faktoren herausgestellt. Die Studie wurde herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie untersucht die Langzeitentwicklung von Einsamkeit in Deutschland und arbeitet verschiedene Risiko- und Resilienz-Faktoren heraus. Das Einsamkeitsbarometer ist online verfügbar.