„Von der Suppenküche zur sozialen Anwaltschaft “

Armutsbekämpfung und der Kampf für soziale Rechte standen am Anfang der Geschichte der Arbeiterwohlfahrt, die vor 90 Jahren von der engagierten Sozialdemokratin Marie Juchacz gegründet wurde. Grund genug also für den Kreisverband Düsseldorf, sich im Jubiläumsjahr mit der Frage auseinanderzusetzen, wo und wie Armut in der Landeshauptstadt auch heute noch sichtbar und spürbar ist. „Von der Suppenküche zur sozialen Anwaltschaft “, lautete daher der Titel einer Fachtagung, die im Aktiv Treff Wersten stattfand.

Der Ort der Veranstaltung war mit Bedacht gewählt worden: Westen Süd-Ost ist einer der sozialen Brennpunkte in Düsseldorf. Ein sozialräumlich fest umrissener Teil des Stadtteils Wersten, in dem Menschen aus mehr als 20 Nationen leben und in dem Armut auf unterschiedliche Weise spürbar und sichtbar ist. Seit nunmehr 30 Jahren arbeitet dort an der Immigrather Straße der Aktiv Treff Wersten der Arbeiterwohlfahrt. Hoch motiviert und sehr engagiert bemühen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Bevölkerung bei der Bewältigung ihrer mannigfaltigen Probleme zur Seite zu stehen und vor allem den dort lebenden Kindern und Jugendlichen Chancen für eine bessere Zukunft aufzuzeigen. Unterstützt werden sie dabei seit jeher von zahlreichen Nachbarn, die sich im Aktiv Treff engagieren und ehrenamtlich viele Aufgaben übernehmen.


Gemeinsames Foto vor dem Aktiv-Treff Wersten (v.l.): Gundar Heimlich, Vorsitzender des AWO-Bezirks Niederrhein, Prof. Dr. Utz Krahmer, Sozialwissenschaftler der FH Düsseldorf, Prof. Dr. Volker Eichener, Regierungspräsident Jürgen Büssow, Michael Kipshagen, Geschäftsführer der Familienglobus gGmbH, der die Veranstaltung maßgeblich vorbereitet hatte, AWO-Kreisgeschäftsführerin Anita Garth-Mingels, Prof. Dr. Stefan Selke, Soziologe und Tafelforscher sowie Bernd Flessenkemper, Vorstandsvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt Düsseldorf.


Rund 80 Gäste waren der Einladung der Kreisgeschäftsführung zur Armuts-Fachtagung gefolgt. Sie erlebten eine ebenso interessante wie kontroverse Diskussion, an der neben dem Tafelforscher und Soziologen, Prof. Dr. Stefan Selke von der Fachhochschule (FH) Furtwangen, Prof. Dr. Volker Eichener von der FH Düsseldorf und Regierungspräsident Jürgen Büssow auch Gunder Heimlich, Vorsitzender des AWO-Bezirks Niederrhein teilnahm. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Prof. Utz Krahmer, Sozialwissenschaftler der FH Düsseldorf.


Nachdenkliche Gesichter während der Vorträge und der anschließenden Diskussion.


Bevor sich die Fachleute dem eigentlichen Thema widmeten, begrüßte Bernd Flessenkemper die Gäste. Der Vorstandvorsitzende der AWO Düsseldorf erinnerte an die Gründungszeit der AWO, in der die durchweg ehrenamtlich arbeitenden Helfer des Düsseldorfer Ortsausschusses tatsächlich noch Suppenküchen betrieben, Nähstuben unterhielten und in Obdachlosen-Unterkünften arbeiteten. Wie Flessenkemper klarstellte, sei die AWO jedoch nie eine rein caritative, sondern im Gegenteil eine politische Organisation gewesen. Ziel der Arbeiterwohlfahrt war und sei es, langfristig die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, die am Rande der Gesellschaft leben und die ansonsten keine Lobby haben. „Miteinander – Füreinander“, laute deshalb das Motto der AWO Düsseldorf.


Barmherzigkeit statt Grundrecht: Prof. Selke beobachtet das Tafelwesen in Deutschland mit wachsender Sorge.


In seinem Vortrag ging Prof. Dr. Stefan Selke dann mit dem Tafelwesen hart ins Gericht. Der Soziologe ist der einzige namhafte Tafelforscher in der Bundesrepublik und hat mit seinem Buch „Fast ganz unten“ (2. Auflage, 2009, Verlag Westfälisches Dampfboot) für Furore gesorgt und bundesweit Schlagzeilen gemacht. Im Kern kritisiert Selke, dass die 800 Tafeln und Suppenküchen, die in der Bundesrepublik mittlerweile rund eine Million Menschen mit gespendeten Lebensmitteln versorgen, nicht zur Beseitigung der Armut, sondern zur Zementierung der sozialen Ungleichheit beitragen. „Ich kritisiere, dass sich das strukturelle Armutsproblem hinter der wohlanständigen Fassade von Armutsversorgung verstecken kann und sich hierdurch eine Scheinnormalität des Anormalen mehr oder weniger unhinterfragt etabliert“, sagte Selke. Ziel der Tafeln dürfe daher nicht der immer differenziertere Ausbau des Systems, sondern müsse im Gegenteil ihre Abschaffung sein.


Prof. Eichener sprach sich für eine zweckgebundene „Bildungssteuer“ aus.


Zum Thema „Sozialräumliche Aspekte der Armutsentstehung und -bekämpfung am Beispiel Wersten Süd-Ost“ referierte anschließend Prof. Dr. Volker Eichener, Sozialwissenschaftler an der FH Düsseldorf. Er hat sich mit seinen Studenten in einer Studie über „Sozialräumliche Milieus und soziale Ausgrenzung“ mit der Situation in Wersten Süd-Ost auseinandergesetzt und dabei vor allem auch die Arbeit im Aktiv Treff Wersten unter die Lupe genommen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Armut nicht nur Geldmangel ist: „Armut ist Mangel an materiellen, sozialen oder individuellen Ressourcen. Mangel an Ressourcen bedeutet auch den Ausschluss von Chancen.“ Und dies werde gerade in Wersten überaus deutlich. Dort entscheide die Frage, auf welcher Seite der Kölner Landstraße ein Kind geboren werde, über den künftigen Lebenslauf. Wer in Wersten-West mit seinen schicken Einfamilienhäusern und den sauberen Vorgärten lebe, habe wesentlich größere Chancen auf einen Schulabschluss, auf Berufsausbildung und ein halbwegs komfortables Leben als der, der auf der anderen Seite der Kölner Landstraße in einem der Wohnsilos leben muss. Eichener: „Die Kinder aus Wersten Süd-Ost starten aus der zweiten Reihe.“ Eichener lobte in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Arbeit des AWO Aktiv Treffs sowie der Kita Lummerland, die mit ihrer Arbeit konsequent und mit Erfolg an der Beseitigung der sozialen Ungleichheit arbeiteten.


Gunder Heimlich: Die Menschen brauchen soziale Sicherheit, keine Almosen.


Bei der anschließenden Diskussion, die unter dem Titel: „Menschenwürde ermöglichen – Sozialleistungen zwischen Versorgung und Befähigung“ stand, ging es durchaus kontrovers zu. Vor allem Prof. Selkes Thesen fanden nicht die Zustimmung aller Diskussionsteilnehmer. So sagte Prof. Eichener, die Bedeutung der Tafeln werde überschätzt. Die dort ausgeteilten Lebensmittel seien allenfalls ein Bonus, würden die Leistungen des Staates aber nicht schmälern. Zudem „muss man das eine tun und das andere nicht lassen“. AWO-Bezirksvorsitzender Gunder Heimlich indes sprang Selke bei. Auch die Arbeiterwohlfahrt tue sich schwer mit den Tafeln. Ziel der AWO sei es, sich für den Rechtsanspruch auf soziale Leistungen stark zu machen und nicht für die Aufrechterhaltung eines Almosensystems. Heimlich: „Wir brauchen einen Rechtsanspruch auf soziale Leistungen.

“Prof. Eichener forderte abschließend, ein Ruck müsse durch die Gesellschaft gehen: „Wir müssen eine Diskussion über öffentliche Ressourcen führen. Wer mehr hat, muss mehr zahlen.“


Jürgen Büssow kritisierte die „unterdrückte Öffentlichkeit für die Probleme der Armut durch die Presse“.

Durchaus versöhnlich klang der Vormittag mit einem gemeinsamen Mittagessen aus. Es gab – passend zur Veranstaltung – Hühnersuppe aus einer historischen Gulaschkanone.


Ein Teller Suppe kam im Anschluss an die vierstündige Veranstaltung gerade recht. Links im Licht: Aziz Ejjiar, Leiter der Jugendgerichtshilfe.

(Alle Fotos: Uwe Schaffmeister)

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